Dieser Engel breitet die Flügel/über die Kronen der Bäume/in der erhitzten Luft/bald schlagen die Trommeln wieder/vom Lachkabinett in die Scherben/ein ewiges Lied/Da haben wir Herzschlag um Herzschlag/um Sieg gerungen/vergessen wir das/kleine Menschen/so macht man uns weis/haben kein Recht auf große Gedanken/da erhebt sich der Engel/aus gutem Grund.
Sommerbeginn 2025 – die Farben sprühen schon. Wir wissen nicht, was dieser Sommer bringt. Die Natur ist unruhig. Die Welt wankt. Es hat keinen Sinn ängstlich zu sein. Wir erschaffen unsere Gegenwart. Und die Geschichte ist, wie Oswald Spengler sagt, „etwas Gewordenes“. Wir können keine Statik in etwas Lebendiges einbauen. Alles spiegelt uns wider. Ein getrockneter Geist ist kein Nährboden, da müssen wir nicht über „Zukunft“ nachdenken. Der seidene Faden des Gegenwärtigseins muss schwingen – unser Leben ist etwas „Gewordenes“, wenn wir Ordnung schaffen wollen, dann in uns selbst. Farben sprühen im kaleidoskopischen Fühlen. Manchmal bringt Unruhe voran.
Der Dramaturg deklamiert: „Historische Überbleibsel, die anmuteten wie vergessener Familienplunder, den niemand wegwerfen will, den aber auch niemand zuordnen kann, geschweige denn versteht und in Ehren halten kann.“ (aus V.S. Naipaul „Ein halbes Leben“)
„Das muss alles weg!“ Der Regisseur wedelt mit den Händen. „So ein halb verfallenes Viertel ist wenigstens ehrlich“, wagt der Assistent zu widersprechen. Der Regisseur brüllt wie ein Ochse: „Glas! Gitterstäbe! Rosa Tücher an den Streben! Und oben eine schillernde Kuppel für die Hardware! Unsere Ästhetik für den neuen Menschen!“ – „Was weiß denn der neue Mensch von unserer Ästhetik?“ Der Bühnenbildner. „Nichts! Deswegen! Wir müssen ihn nur daran gewöhnen.“ Er macht eine Geste mit Daumen und Zeigefinger. „So klein! Unsere Ästhetik schrumpft ihn auf seine natürliche Größe!“ – „Gut, dann baue ich einen Käfig! Sehr wohl.“ Der Bühnenbildner klappt seinen Laptop zu. Ein hallendes Geräusch fegt über leere Sitzreihen.
Ein kaum bemerktes kleines Erdbeben hat eine Küstenkapelle in mehrere instabile Segmente gerissen. Lose aufliegende Blöcke sind in festere Positionen gerutscht und halten die Ruine, wie einen deformierten Körper, der sich irgendwo anlehnen, Halt finden will. Aus seismischer Unordnung ist – bis zur nächsten Erschütterung – eine dauerhafte neue Form entstanden.
Die Arbeit des Weltalls vollbringt sich in unaufhörlichen Schwingungen. Die Energie spielt konstant auf der Materie; zahllose Formen und Abarten sind die Folge und selbst diese Formen und Abarten sind nicht bleibend. (Aus: Die Wissenschaft des Atmens)
Die Blässe des Alltags ins Gesicht gezeichnet, vor den Augen das Geflimmer der letzten Nacht; schlaflose Gedanken und dann der Flug über Dubai, Usbekistan, die ganze atlantische Völkerwanderroute in entgegengesetzter Richtung durch die Luft, in der silbernen Hülle. Fliegen wie die Königin von Saba zu ihrem geliebten Salomon. Hoffnungsbeladenes Abenteuer; Erinnerungen ans Wandern durch Wellen und Sand, spielen mit Leonardo, dem ritterlichen weißen Kater in einer Hütte, kurz vor dem indischen Frühstück mit Ananas und Tschai. Ein hüpfendes braunes Mädchen im roten Kleid, umgeben vom Gebirge einer Festung. Diebische Affen, ausgemergelte europäische Sadus. Geruch nach Fisch. Jetzt, wie ein Blick in die Kristallkugel: das Meer taucht auf, glitzernd, weit, auf schiefgelegter Fläche. Ein bisschen wie eine Fata Morgana, aber da ist auch schon Gestein am Ufer zu sehen. Wo ich wohl stranden werde?
Wir sehen auf der einen Seite das Licht, das Helle, auf der anderen die Finsternis, das Dunkle; wir bringen die Trübe zwischen beide, und aus diesen Gegensätzen, mit Hilfe gedachter Vermittlung, entwickeln sich, gleichfalls in einem Gegensatz die Farben, deuten aber alsbald, durch einen Wechselbezug, unmittelbar auf ein Gemeinsames wieder zurück.“ (Johann Wolfgang von Goethe „Zur Farbenlehre“)
Das, was in uns passiert, während wir versuchen einzuschlafen. Lichtpunkte zeigen sich, verschwimmende farbige Gebilde, die sich aufeinander zu bewegen und dann zerfließen. Manchmal formen sich Gesichter oder Gestalten. Es ist eine flüchtige, fluoreszierende Welt, die aufscheint. Was hinter unserem physischen Alltag liegt ist eine gewaltige Ebene mit Botschaften, die erhebend sein können, aber manchmal auch rätselhafte Traurigkeit mitbringen. Atemzüge zarter Farben, schimmernde Begleiter in die Welt, die wir in jedem Moment betreten werden.
Kleines buntes Bild; die Siele sind prall gefüllt und während die Sonne aufs Wasser trifft, entstehen Täuschungen von Farben. Die Aura eines Tages versinnbildlicht sich im Teich.
Es wird ein unendlicher Spaß sein, wenn der Turm zu Babel fällt. Er hat sich über die vielen Jahrhunderte als Idee erhalten und entstand schließlich neu, wenn auch virtuell, an vielen Orten der Erde. Er dient ausschließlich den verwickelten und hochkomplexen Tätigkeiten spezialisierter Buchhalter, den eigentlichen Alchemisten der neuzeitlichen Kunst Gold zu machen. Der hebräische Name Babel wird in der Übersetzung gedeutet als „überfließen, vermischen, verwirren“ (Quelle: Wikipedia) Eine im Raum stehende Rückkehr zu goldgedeckten Währungen wird die Hochburgen virtuellen Raubes einstürzen lassen. Die goldene Schlange erhebt ihr Haupt.