Die Sänger von Jericho proben das Hohe C

Psychologische Kriegsführung

Ein Schweizer Politiker glaubte herausgefunden zu haben, dass die „Posaunen“ von Jericho vor allem der psychologischen Kriegsführung dienten. Sieben Tage lang bliesen die Priester der Belagerer in ihre Schofarhörner, griffen aber die Stadt nicht an. Unter den Bewohnern steigerte sich Spannung, Angst und Panik in einem solchen Maß, dass sie möglicherweise selbst die Stadttore öffneten und dem Feind keinen Widerstand leisteten. Quelle: brawoo

Bild: Die Sänger von Jericho, 40×50; Leinwand/Acryl 2021

Morgen soll ich tanzen.

Ich habe mich geweigert, so lange es ging. Aber wenn ich morgen nicht tanze, verliere ich meinen Garten. Ich brauche Rat, meine Freunde. Man könnte sagen, gut, hast du eben keinen Garten mehr, wo ist das Problem? Das Problem ist, dass der Garten Leben bedeutet; jede einzelne Pflanze bedeutet Leben. Der Hartriegel, vereint mit Geissblatt und Wein, zu einem hohen Bogen geflochten. Der Kleiber im Anthrazitgefieder am Vogelhaus, gefolgt vom Grünfink. Spatz und Meise im raschelnden Bambus, der sprechende Schmetterlingsbaum. Muss ich tanzen?

Gestellte Schriften

So wie mein kleiner Hund über eine Galerie der ungemalten Bilder herrscht, genauso lebe ich in einer Welt eines ungeschriebenen Buchs. Viele träumen davon zu schreiben, aber sie fangen gar nicht erst an. Andere kämpfen mit der Schere im Kopf und investieren Jahre ihrer Lebenszeit mit dem Ausspinnen von Ideen. Andere werden vom Leben geschluckt, hadern mit Talentlosigkeit und werden zu mehr oder weniger unterhaltsamen Phantomen im Nachtleben. Ich habe diese Phasen sämtlich und kompromisslos erlebt. Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass wir bestimmt sind, unser Leben, meinetwegen unser Schicksal und unsere Erfahrungen ständig wiederzukäuen, geistige heilige Kühe zu sein. Ab einem bestimmten Lebensabschnitt schüttelt sich das zusammen und gibt immer wieder einzelne Szenen, Bilder, Gerüche, Farben, Gesprächsfetzen frei. Die Kaleidoskopsteinchen sagen mehr als ein offizieller Lebenslauf. Darauf richte ich mich ein.

Nichts will aufbrechen. Magnolienatem klebt am Beton. Die Bevölkerungsdichte der Krähen nimmt zu.

In diesem Frühjahr mussten wir begreifen, was Pragmatismus ist. Die Lektion war eine der schwereren. Wir hatten irrationale Voraussetzungen. Die Frühlingskinder kamen mit mürrischem Gesicht zur Welt. Die kleinen Fische ohne Lächeln. Die kleinen Stiere mit zu wenig Gewicht. Die kleinen Zwillinge waren überraschend ruhig. Wenn wir Blumen kaufen wollten, standen wir draußen vor dem Geschäft und versuchten uns vorzustellen, ob es Rosen, Lilien, Tulpen oder Flieder drinnen gab. Wir reckten die Hälse, lehnten uns weit über den wackligen Behelfstresen vorm Laden und gaben der Verkäuferin Handzeichen. Naja, noch gab es Blumen. Der Garten gab noch nichts zum Plündern her, er hatte diesmal einige Wochen länger in der Kälte ausgeharrt. Sind Blumen wichtig? Um uns herum tanzten die Clowns mit bunten Tüchern, die das halbe Gesicht verdeckten. Darunter trugen sie starre weiße Masken und so tanzten sie tonlos in einer Choreografie versteckter silbriger Fäden; wie gesponnen, kaum sichtbar wurden die Gestalten von einer geheimnisvollen Kraft hin und her gezogen. Zwischen einzelnen Passanten standen lebende Ponys mit sanftem Blick. Krähen hüpften über den Asphalt und stritten um Essensreste. Krähen, die durch die Stadt spazieren. Der Naturschutzbund verbreitet die Nachricht, dass es derzeit zweieinhalb tausend Nester in Bäumen und auf begrünten Flachdächern gibt. „Die Vögel bauen bevorzugt dort, wo die Nahrung nah ist, also an beliebten Plätzen mit Durchlauf von Touristen, Studenten oder Geschäftsleuten, die häufig einen Happen zwischendurch verzehren.“ Seltsam, denn die Krähen waren die einzigen, die noch draußen essen durften.